Von Andreas bis Züst
Und selbstverständlich sammelte Andreas Züst auch Bücher. Sie waren im ganzen Haus am Spiegelberg verteilt: Ein kreativer Schreiner hatte in allen Stockwerken noch in der kleinsten Nische Regale geschaffen, um den unzähligen Büchern Platz zu bieten. Hoffnungslos: stapelweise schichteten sich Neuzugänge, eben Gelesenes und noch zu Bearbeitendes in allen Zimmern.
Als es darum ging, die Bücher an einem Ort zusammenzubringen und neu zu sortieren ereignete sich ein bemerkenswertes Raumwunder: die Bücher, einmal aus ihrem Regal genommen und zu Haufen aufgestapelt, wuchsen in kürzester Zeit zu Bergen, als sehe man die Alpenfaltung im Zeitraffer vor sich. Schnell nahmen sie ein Zehnfaches ihres eben noch in Regalen gezähmten Volumens an.
Ordnungsprinzipien traten zu Tage wie aufgeworfene Sedimentschichten, andernorts herrschte heilloses Durcheinander. Angefangene Reihen brachen ab, wurden woanders fragmentweise fortgesetzt. Die Aufgabe bestand darin, aus einzelnen Brocken lesbarer Formationen Regeln abzuleiten, wie mit dem Geröll zu verfahren sei. Einzelne Kategorien waren bekannt und die Bände mussten ihnen nur zugeordnet werden; für andere Cluster mussten, da sie sich keiner Kategorie gültig zugeordnet werden konnten, eigene Kategorien geschaffen werden. Auch bei den Büchern galt Andreas Züsts ganz besonderes Augenmerk den Zwischenräumen. Ein Sammler, der sich aufs nicht Zuordenbare kapriziert hatte.
Andreas Züsts Bücher bilden, wie jeder andere Teil seiner Sammelleidenschaft, wie überhaupt seine Existenz als Ganzes – einen Katalog von Allem. Auf dem prekären Grat zwischen enzyklopädischem Weltverständnis und dem Absturz in die Beliebigkeit schwindelt diese Bibliothek traumsicher von Thema zu Thema und vollzieht dabei die waghalsigsten Sprünge.
Zwischen A wie Andreas und Z wie Züst steht hier Lausbubenliteratur neben politischem Weltpathos, Avantgarde neben Geologie, Reisebericht neben Kunstzeitschrift, Trashiges neben bibliophilen Rarissima. Zu den Raketentriebwerken gesellen sich die Luftballone, zu den medizinischen Einsichten die schamanischen, zum Faschismus anti-autoritäre Bewegungen, und zu den Schweizer Alpen ein ganzes Regal voller Literatur über Ausserirdische. Eine Bibliothek also, in der man nach versuchter Systematisierung finden sollte, was man sucht. In der man aber vor allem auch findet, was man nicht gesucht hat.
Wer Andreas Züst nicht kannte, muss nur die Ohren an diese Regale halten. Dann hört man ihn sprechen. Erst wie einen begeisterten Cicerone durch Gebäude und Ruinen gegenwärtigen und vergangenen Wissens. Schau hier! Und das! Und: kennst du das? Selbstverständlich darf auch das nicht vergessen werden! Und hier, diese Perle? Dann aber auch wie jemanden, der nicht mehr aufhören kann, weil er zu allem etwas weiss: Eulers Algebra? Ja selbstverständlich! Feuerwerk? Mein Fachgebiet! Himalaja: vollständig. Und dann als Getriebenen: Und das muss ich haben, und das werfe ich auch nicht weg und dafür finden wir auch noch ein Plätzchen. Und immer wieder als einen, der in Rändern eigentliche Mitten vermutet.
Dass die Bibliothek in erwartbarer Buchstabenfolge das Unerwartete zusammenbringt, dass sie von ganz persönlicher Leidenschaft geprägt und deshalb ganz umfassend ist, dass sie auf Bücher spezialisiert ist, die keinem Thema zugehören, weil sie zwei verbinden – all dies macht sie zu einem geistigen Teilchenbeschleuniger. Wer sich zu Recherchen in dieses Labyrinth wagt, dem droht rettungslose Inspiration.
Plinio Bachmann
Nach ihrer Wanderschaft durch drei Schweizer Kantone (Zürich, St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden), hat die Bibliothek Andreas Züst nun ihr neues Zuhause bezogen: den Alpenhof auf St. Anton, Oberegg, Appenzell Innerrhoden.
Die Bibliothek Andreas Züst steht allen Interessierten offen. Gegen einen Betrag von 100 Franken kann eine Gönnerschaft erworben werden, die es während der Zeitspanne von einem Jahr erlaubt, Bücher auszuleihen.
Öffnungszeiten der Bibliothek Andreas Züst:
Freitag, 15 – 19 Uhr; Samstag, 13 – 16 Uhr
Bibliothek Andreas Züst
Alpenhof
St. Antonstrasse 62
9413 Oberegg
+41 (0)71 890 08 04
info@andreaszuest.net
24. - 26. September: Ausstellung "Schönste Schweizer Bücher 2009“ im Alpenhof.