Anita Rufer und Mara Züst
Edward Bellamys Bibliothek
Juli 2011
15. Kapitel.
Als wir auf unserem Rundgang durch das ganze Haus ins Bibliothekzimmer kamen, konnten wir es nicht über uns gewinnen, an den einladenden, eleganten Ledersesseln ohne weiteres vorüber zu gehen. In einer behaglichen Nische, von Büchern rings umgeben, liessen wir uns nieder und hielten Siesta.*
«Edith hat mir erzählt, dass Sie den ganzen Vormittag in der Bibliothek verbracht haben,» sagte Frau Leete. «Ich finde, dass Sie unter allen Menschen am meisten zu beneiden sind.»
«Würden Sie mir wohl sagen, weshalb?»
«Weil Sie die Bücher noch nicht kennen, die im Verlaufe des letzten Jahrhunderts geschrieben worden sind. In den nächsten fünf Jahren werden Sie durch das Lesen der vielen fesselnden literarischen Erscheinungen in Anspruch genommen, sich kaum Zeit lassen, Ihre Mahlzeiten zu geniessen. Wie gern möchte auch ich Berrians Romane zum ersten Male lesen.»
«Oder Nesmyths Werke,» warf Edith ein.
«Gewiss, und Vaters Gedichte: ‹Vergangenheit und Gegenwart› und ‹zu Anfang›. Ach, ich könnte mindestens zwölf Bücher aufzählen,» erklärte Frau Leete voller Begeisterung.
«So darf ich wohl annehmen, dass während dieser hundert Jahre eine neue interessante Literatur entstanden ist?»
«Freilich,» antwortete Dr. Leete, «es war eine Zeit beispielloser Geistesgrösse. Wohl nie zuvor hat die Menschheit in ethischer und materieller Beziehung in so kurzer Zeit so umfassende Wandlungen erfahren, wie diese aus den alten Verhältnissen hervorgegangene Neugestaltung zu Anfang des 20. Jahrhunderts sie mit sich brachte. Alle gewannen allmählich das volle Verständnis für das grosse Glück,
das ihnen zuteil geworden war, sie empfanden, dass der Wechsel der Dinge nicht lediglich einen Fortschritt in den Einzelheiten ihrer Lebensbedingungen bedeutete, sondern den Aufstieg der ganzen Rasse zu einer neuen Sphäre ihres Daseins – mit unbegrenzten Möglichkeiten zur Vervollkommnung. Da wurden ihre seelischen und geistigen Kräfte von Ehrgeiz beseelt – die Blüte der mittelalterlichen Renaissance kann uns vielleicht ein noch unvollkommenes Spiegelbild dieser neuen Epoche bieten. Jetzt entstanden die neuen Erfindungen auf technischem Gebiete, wissenschaftliche Forschungen und künstlerische Errungenschaften, eine Produktivität in der Musik und Literatur, die bis dahin ganz unerreicht war.»
aus: Rückblick von dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887, Edward Bellam,
Ausgabe Georg Müller, München 1919.
Originaltitel: «Looking Backward or Life in the Year 2000», erstveröffentlicht 1888 in den USA.
Signatur Züst LABA B014 (Ausgabe von 1919) und LABA B14x (Ausgabe von 1973)
Der Roman «Rückblick von dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887» Bellamys erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der nach rund hundert Jahren Schlaf aufwacht. Dadurch erhält er die Gelegenheit, die Gesellschaft mit ihren zwischenzeitlich gemachten Entwicklungen erneut kennenzulernen. Das Buch war damals ein Bestseller, möglicherweise auch darum, weil in dieser Utopie die Gesellschaftsprobleme seiner Zeit zuversichtlich als lösbar beschrieben wurden.
Heute trifft das Buch uns da, wo wir die damals utopische Zukunft als unsere jetzige Zeit lesen können. Und es lässt uns dort verstummen, wo wir uns damit auseinanderzusetzen haben, dass die Utopie sich nicht realisiert hat und wir als Menschheit ständig darin scheitern, hin zum Besseren oder gar Guten zu kommen.
Text: Anita Rufer
Anita Rufer und Mara Züst
Von Bibliotheken und Buchdeckeln
Januar 2011
«Le Nouveau Palais du Tribunal Fédéral» beherbergt eine Bibliothek. Hier sieht man, wie deren Archivräume mit modernster Technik in effizienter, raumsparender Funktionalität eingerichtet sind. Im Gegensatz dazu zeigt sich der Lesesaal sehr traditionell, schon fast altbacken: eingerichtet mit hölzernem Mobiliar und Teppichen, ganz ohne Schnörkel und mit Arbeitsplätzen an den Tischen, die so eng angeordnet den Benutzenden wenig Raum bieten. Nicht gross Gedachtes, sondern arbeitsam Studiertes scheint hier erwartet. Doch dann werden die Bücher geöffnet und sie erzählen, wie auch das Austarierteste genauso fassungslos und aus dem Lot geraten kann. Oder verhält es sich bei Büchern eines Bundesgerichtes anders?
Text: Anita Rufer
Paula Fürstenberg und Simone Lappert
Arno Schmidts Wundertüte
Frühling 2011
Vielleicht ist Dir auch folgende überlegung neu: Ein junger Mensch, der ja praktisch nichts kennt, als sich selbst und die eigenen Gefühle, musz demzufolge Lyriker sein: Lyrik, das ist die bestrickende Sprache, die bestechendste liebenswürdigste Form des Egoismus. Wenn er (Goethe) aber noch über 30, also wenn er Welt und Wiesen hat einigermaszen kennen gelernt, habituell Lyrik produziert, also weiterhin nur sein eigenes Seelchen belauscht, dann sei vorsichtig im Verkehr mit ihm. Denn Dichter sein: das heiszt in allen Dingen sein (die unter 1000 Mark kosten), mit allen Menschen fühlen (nur den bewuszt Vornehmen nicht), in allen Zimmer treten (Antichambres ausgenommen), Alle Sprachen sprechen (auszer Slang und Sächsisch), alle Wissenschaften durchlaufen (auszer Heraldik und rer. pol.)
Aus: Arno Schmidts Wundertüte
Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld 1989, S. 144
Signatur Züst LABASO 49
Zwei Autorinnen tippen einen kurzen Textausschnitt des Buches «Arno Schmidts Wundertüte» mit Schreibmaschine nach. Der bereits gedruckte und veröffentlichte Text erhält mit dem Nachtippen Merkmale eines Manuskripts zurück, die beim buchgedruckten Text nicht mehr sichtbar sind/waren.
Es ist eine ungewöhnliche Art der Annäherung an einen Autor und seinen Text, den die Schreibenden hier unternehmen. Vielleicht ist dieses Verfahren der Versuch, den Text zum Autor zurückzubringen. Sicherlich heben sie damit den prozesshaften Charakter des Schreibens hervor: der Vorgang des Schreibens dauert. Ebenso verweisen die Autorinnen mit dem Nachtippen des Textes auf sich selber: als schreibende Lesende.
Text: Anita Rufer
Lucie Kolb und Philipp Messner
John Cage talks to Hans G. Helms about Mao
Dezember 2009
Philipp Messner hat für einen Beitrag im Radio-Art-Projekt radio arthur eine Kassette mit Aufnahmen eines Interviews mit John Cage ausgeliehen, deren Hülle, aufgrund eines früheren Brandes im Hause Andreas Züsts, angeschmolzen und lädiert war. Zurück schickte er die Aufnahme in neuer Hülle und mit fotokopiertem Booklet. Auch den alten Schutz, obwohl nun ohne eigentliche Funktion, hat er dazugelegt. Diese sorgfältige schöne Geste, könnte die eines Archivars sein, der die Inhalte vernünftig verpackt wissen will und ebenso um den Wert einer Originalverpackung weiss. Aber er scheint auch bereits bemerkt zu haben, dass die Hülle nun neue, nämlich erzählerische, Qualitäten gewonnen hat. Denn auf der Fotokopie vermerkte er klitzeklein «ev. für Archiv». Da befindet sich nun tatächlich alles, die Kassette in neuer Hülle und, nun ebenso erzählerisch malträtiert, ihr alter Behälter.
Text: Anita Rufer
Simone Koller
Bücher gleich Rubinen
Januar 2010
Im 1954 erschienenen Buch «The Doors of Perception» beschreibt Aldous Huxley die Auswirkung von Meskalin auf das menschliche Bewusstsein. Huxley hatte sich ein Jahr zuvor einem Experiment unterworfen, in der Hoffung, die Pforten seiner Wahrnehmung (so lautet der Titel der deutschen Übersetzung) zu erweitern. Einige Minuten nach Einnahme des Halluzinogens beginnt Huxley, in einen anderen Bewussteinszustand überzutreten: ein Blumenstrauss wird zu einem «Wunder nackter Existenz», Bücher beginnen zu leuchten wie Edelsteine.
Text: Simone Koller
Simone Koller
Schutzumschläge, ausrangiert
Januar 2010
Die ersten Schutzumschläge tauchten Ende des 15. Jahrhunderts auf, doch waren dies Ausnahmen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Bücher nämlich meist ohne festen Einband verkauft, so dass sie der Käufer nach seinem Geschmack binden lassen konnte. Verlage arbeiteten mit Interimseinbänden – losen Umschlägen aus einfachem Papier mit Angaben zum Buch. Oft wurden Bücher auch mit Transparentpapier, das den Einband durchscheinen ließ, oder Packpapier geschützt. Erst Ende 19. Jahrhundert entdeckten die Verlage den Schutzumschlag als Werbeträger: auffällig, bunt und mit werbenden Worten versehen.
Text: Simone Koller
Thomas Galler
Doubletten
2009
Das Massenprodukt Buch als individuelles Objekt: Der Auslotung dieses Parodoxon hat sich Thomas Galler in seiner Arbeit «Doubletten» (2009) gewidmet, in der er, den doppelt in der Bibliothek Andreas Züst vorhandenen Publikationen folgend, eine Auswahl davon während des Projektes «Von Andreas bis Züst» situationsbezogen inszeniert hat. In dieser Gegenüberstellung zweier jeweils vermeintlich gleicher Ausgaben (oder zumindest einer anderen Ausgabe desselben Buches) zeigt sich, dass jedes Buch seinen eigenen Charakter aufweist, ob nun durch die unterschiedlichen Gebrauchsspuren oder die Umstände seiner technischen Produktion. Auch seine Publikationsgeschichte oder das ästhetische Empfinden eines vormaligen Besitzers lässt sich daraus ablesen. Durch solche geringfügigen Verschiebungen, die erst der direkte Vergleich zeigt, wird sichtbar, dass ein einzelnes Buch trotz seiner Verschwiegenheit weitaus eigenständiger ist, als dies die wiederkehrenden Verlagsvorschauen und Google Books suggerieren wollen.
Text: Mara Züst